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Wiederkehr des Absoluten

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Nicht nur Klassiker wurden vom Sockel gestoßen, auch die Vernunft mit ihrem Anspruch, dass Wahrheit erkennbar sei, ereilte dieses Schicksal. Vernunft geriet in den Verdacht, ein Herrschaftsinstrument zu sein. In ihrem Namen wurde zu viel Unheil angerichtet, hieß es. Postmoderne Denker versenkten sie kurzerhand im Mülleimer der Geschichte.

Fortan kam die These in Geltung, dass alles Wissen in den Geisteswissenschaften sozial bedingt sei. Alle Entwürfe der Welt waren ab sofort gleichberechtigte Konstruktionen. In dieser Gleichwertigkeitsdoktrin bevorzugte man nur noch die Entwürfe der Anderen, der Unterdrückten, der Außenseiter und Randgruppen, nicht mehr jedoch diejenigen, die den Anspruch unbedingter oder absoluter Geltung für ihre Wahrheit reklamierten.

Wer an der Wahrheit mit unbedingter Geltung festhielt, demonstrierte nur seine Rückständigkeit. Er hatte nicht begriffen, was die epistemische Stunde geschlagen hatte.

Nun, diese Stunde scheint abgelaufen zu sein. Philosophen, die sich unter der Formel „Neuer Realismus“ versammeln, werfen denen, die sich vom postmodernen Relativismus haben verführen lassen, „Angst vor der Wahrheit“ vor. Wenn man diese überwindet, dann kämen wieder Tatsachen in den Blick, die ihr Sein unabhängig vom Menschen haben, die also "absolut" sind.

Diese Argumentation ist in dem Buch „Angst vor der Wahrheit“ (2006, dt. Berlin 2013) von Paul Boghossian nachzulesen. Er lehrt an der New York University Philosophie. Sein „Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus“ ermöglicht eine Rehabilitierung der Vernunft.

Allerdings: Es sollte differenziert werden zwischen richtig und falsch, wahr und unwahr, zwischen Aussagen mit bedingter und unbedingter Geltung und solchen, denen man den Status absolut zugesteht.


Paul Boghossian

Der neue Realismus

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Fundamentalisten

Geistig unbewegliche Politiker richten sich in ihrer einmal erreichten Bestimmtheit ein und verlieren sogleich die Bestimmbarkeit für andere Möglichkeiten. Sie lassen nicht mehr mit sich reden. Sie erstarren zum Fundamentalisten der von ihnen einmal eingenommenen Position.

Die Medien nennen das „Gesicht wahren“, und eine denkmüde Öffentlichkeit plappert das unbesonnen nach.

Während in Syrien massenhaft Menschen ermordet werden, gehen sich in Petersburg Wladimir Putin und Barack Obama aus dem Wege. Sie nennen das Diplomatie, was die öffentliche Meinung schon weniger akzeptiert.

Ich sage, dass das die albernen Mätzchen Testesteron-gesteuerter Männer sind, die ihrer Pflicht, den Menschen zu dienen, in gar keiner Weise nachkommen.

Die Mächtigsten der Welt sind erbärmliche Marionetten einer Denkweise, die tief in eine dunkle Vergangenheit reicht. Ruhm, Macht, Ehre und internationale Hackordnung sind immer noch wichtiger als Menschenleben.

Nur auf deutlichen Druck hin ließ sich Putin herbei, wenigstens beim Nachtessen das Thema „Syrien“ zuzulassen. Herauskam – nichts.

Wann, endlich, verlieren die anderen am opulent gedeckten Tisch in Petersburg die Contenance? Wann, endlich, brüllt einer von ihnen aus Ohnmacht und Wut und aus Verzweiflung die Hartherzigen an? Wann, endlich, bricht einer (oder auch die eine) in Tränen aus, die für die Geschundenen in Syrien vergossen werden? Es wäre doch ein Versuch wert, das Sprachspiel zu wechseln. Wenn die verbale Kommunikation versagt, könnte doch die nonverbale der Tränen die Betonköpfe der Machtspiele erweichen?

Warum wagt niemand in Petersburg etwas Außergewöhnliches, um dem Notwendigen näherzukommen?

Es ist Frieden zu stiften, verdammt nochmal!

Dass es für außergewöhnliche Anstrengungen für Frieden und Gerechtigkeit noch zahlreiche andere Anlässe gibt, ist bekannt. Aktuell steht die Tragödie in Syrien auf der Agenda der Weltpolitik. Und wieder scheitert man. Die Medien melden, dass die USA nun einseitig und ohne ein UN-Mandat militärisch eingreifen wollen. Frieden ohne Waffen zu ermöglichen, ist ganz offensichtlich außerhalb des Denkhorizontes der etablierten Politik.

Vgl. den ERGÄNZUNGSTEXT "Gewaltfreier Widerstand".

Vgl. SPIEGEL-ONLINE: "Militärschlag gegen Assad" und "Der blockierte Gipfel".

Vgl. auch den TAGEBUCHEINTRAG "Syrien".



 


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